Neulich stolperte ich buchstäblich über einen Karton aus dem Jahr 2003; darin meine alten Schulhefte und der ganzen Kram, den man für ein bayerisches Abitur braucht. Woah, what a ride down the memory lane.
Ich habe 2003 an einem Münchner Gymnasium Abitur gemacht. Meine Leistungskurse: Englisch bei Herrn Förg und Erdkunde bei Frau Brekner.
Ich erinnere mich leider noch allzugut an den Tag meines Englischabiturs, es war der 5. Mai 2003, der Klimawandel war bereits im Gange und so herrschten schon morgens um neun Uhr knapp 30°C in der vollverglasten Turnhalle, in die sie uns hundert Schülerinnen und Schüler gesteckt hatten, damit wir uns endlich aus diesen knechtvollen Jahren des Lernens durch eine letzte Prüfung befreien konnten.
Die Sonne brannte mir auf den verschwitzten Nacken, als ich den Umschlag mit den Abituraufgaben öffnete. Wie erwartet standen zur Auswahl für die Übersetzung: Ein langweiligen Sachtext und ein literarischer Text. Der Literaturtext war von TC Boyle: Tortilla Curtain. Ich musste nicht lange überlegen.
Teil zwei der Prüfung: Ein Essay von 300 Wörtern zu einem der vier vorgegebenen Themen. Eines davon lautete:
„Does literature have the power to change society?“ – Hat Literatur die Kraft, die Gesellschaft zu verändern?

Ich erinnere mich genau, wie ich dachte: „F*ck, yeah!“; und meinen Füller aufschraubte. Ich meine, was für eine Frage?!
Ich fing an zu schreiben. Ein Schweißtropfen rann von meiner Stirn über die Schläfe und das Kinn und fiel schließlich auf das Blatt Papier vor mir. Ich kreiste ihn säuberlich mit meinem Stift ein, dann schüttelte ich eine Weile mein Handgelenk aus und schrieb weiter. Ich schrieb die vollen 45 Minuten lang.
Denn was, wenn nicht Literatur, hat die Kraft, die Welt zu verändern? Von der Bibel, dem Talmud und dem Koran über Marx‘ „Kapital“ bis hin zu „Harry Potter“; von Rousseau und Kant bis hin zu Harriet Beecher Stowe (von der Abraham Lincoln sagte, sie habe mit ihrem Roman „Onkel Toms Hütte“ den amerikanischen Bürgerkrieg ausgelöst), waren es doch immer schon Texte, die eine Gesellschaft geprägt und damit die Welt verändert haben.
Kein Wunder, dass Diktatoren aller Epochen Panik vor dem geschriebenen Wort hatten. Kein Wunder, dass Nazis Bücher verbrannt haben. Ich erinnere mich, dass ich Mühe hatte, alle meine Gedanken dazu sortiert und sinnvoll zu Papier zu bringen, so viel ging mir durch den Kopf.
Irgendwie wurde ich schließlich mit der Prüfung fertig, wankte nach draußen in den inzwischen 35° heißen Sommertag und dachte darüber nach, was für eine nette Sache es doch sein müsste, Schrifsteller zu sein.

Viele, viele Jahre später, las ich in einem Fachmagazin für Neurowissenschaft einen Artikel darüber, wie Storytelling, also das Geschichtenerzählen, auf unser Gehirn wirkt. In dem Moment, in dem wir eine Geschichte hören, lesen oder als Film sehen, werden alle unsere Spiegelneuronen aktiviert und wir versetzen uns automatisch in die Protagonisten der Geschichte hinein, fühlen was sie fühlen, erleben was sie erleben. Geschichten, vor allem wenn sie gut erzählt sind, lassen also Empathie entstehen. Deswegen verändern Geschichten die Art wie wir denken, fühlen und miteinander umgehen. Deswegen verändert Literatur die Welt.
Hätte ich all das nur schon 2003 gewusst.

Übrigens: Das Storytelling Projekt der Peace Factory findet ihr hier